Ein schiefer Zaun aus modrigem Holz.
Hinter dem schiefen Zaun, liegen nebeneinander
Juristen und Kaufleute, Musiker und Revolutionäre.
Sie sangen für sich.
Sie sparten für sich.
Sie starben für andere.
Zunächst aber zahlten sie Steuern,
respektierten den Polizisten,
und in dieser ausweglos materiellen Welt
interpretierten sie den Talmud
und blieben Idealisten.…
Joseph Brodsky
Vor fast 150 Jahren (1872) wurde der alte jüdische Friedhof in Bonn Castell angelegt. Die Familie Philippson, die viele Gelehrte und Rabbiner hervorbrachte, hat ein Grundstück an der damaligen Ringstraße gekauft.
Die erste Trauerzeremonie fand am 4. April 1873 statt; es wurde ein Kleinkind aus der Familie Heymann begraben.
Bis heute ist dort eine große Fläche für Kindergräber angelegt, die ein zweites Mal belegt wird. In den 80-90er Jahren des 20. Jahrhunderts war unbekannt, dass an dieser Stelle bereits Gräber existierten. Der Grund für diese Unwissenheit lag am Holocaust, der keine Zeugen hinterlassen hatte. So wurden viele Gräber nicht versorgt, da es keine Nachfahren in den Familien gab. Man kann heute aber sehen, dass die Gemeinde sich darum kümmert und Denkmäler für die in Vergessenheit geratenen Gräber errichtet werden.

Am Beispiel des Friedhofs kann man erfahren, wie das jüdische Leben vor dem Holocaust war: man sieht eine große klassizistische Trauerhalle, ein Denkmal für die gefallenen Frontsoldaten des 1. Weltkrieges und ein Gräberfeld für die Cohen (die Hohepriesterfamilien), deren Gräber oft das Symbol des Aaronitischen Segens tragen. Separat wurden auch die Rabbiner und Kantoren beigesetzt.
Das alles weiß und erklärt uns der Friedhofsdirektor, der außerdem die Beerdigungsbruderschaft „Chewra Kadischa“ leitet. Die gesamte Trauerarbeit, von der Grabvorbereitung bis zur psychologischen Beratung von trauernden Familien, übernimmt die Bruderschaft.
Heutzutage ist alles moderner und vielfältiger. Dafür geht es zu dem neuen Friedhof in Röttgen.

