Vielleicht erkannten sie mehr.
Joseph Brodsky
Oder glaubten blind.
Doch sie lehrten die Kinder tolerant zu sein
und zielstrebig zu werden.
Und sie säten nie Korn.
Niemals säten sie Korn.
Nur sich selbst legten sie
in den kalten Boden wie Samen.
Und sie schliefen ein für immer.
Und dann – wurden sie mit Erde zugeschüttet,
wurden Kerzen angezündet,
und am Gedenktag,
mit hoher Stimme, vor Hunger außer Atem,
kreischten alte Männer von ewiger Ruhe.
Und sie fanden sie.
In Form des Zerfalls der Materie.
Ohne sich an etwas zu erinnern.
Ohne etwas zu vergessen.
Hinter einem schiefen Zaun aus modrigem Holz,
vier Kilometer von der Endhaltestelle der Straßenbahn
Die Sonne schien. Die zwei alte deutsche Frauen bewunderten die fast gemütliche Ruhe und sagten zueinander: „Hier möchte ich liegen“. Das machte den Friedhofsdirektor stolz und seine Laune stieg.
Die mit einem Lineal gezogenen exakten Reihen von Gräbern mit überwiegend russisch-jüdischen Namen, saubere Zwischengänge, Blumen und hin und wieder Bänke, zeichnen jetzt den neuen jüdischen Friedhof, der Mitte 90er Jahre eröffnet wurde, aus. Damals sah er noch ganz anders aus: eine hügelige Landschaft außerhalb der Stadt, Lehm, Wald – niemand traute sich dorthin. Als der heutige Direktor den Betrieb übernahm, gab es dort zwei-drei unebene Grabreihen. Heute hat man dort sogar die Möglichkeit, nichtjüdische Familienmitglieder zu bestatten. Das ist für Menschen aus den ehemaligen sowjetischen Ländern sehr wichtig, da der dort herrschende Atheismus oft zu interkulturellen Ehen geführt hat. Viele wurden erst hier in Deutschland auf Jüdischkeit (ihre religiösen und kulturellen Wurzeln) aufmerksam gemacht. Auch für die gemischten Familien, die bereits in Deutschland zwischen Juden und Christen entstanden sind, ist eine solche Möglichkeit wichtig.
Das Zentrum des neuen Friedhofs ist die Trauerhalle. Mir ging di ganze Zeit die Silhouette eines Schiffes durch den Kopf. Und nicht umsonst, der Direktor war in seiner Vergangenheit ein Schiffbauingenieur.

Die Konstruktion mit zwölf durchsichtigen Säulen statt soliden Mauern gibt Hoffnung. Die hebräisch geschriebenen Namen der zwölf israelitischen Stämmen bringen etwas Mystik, man erwartet noch etwas kabbalistisches auf der zentralen Mauer, aber die bleibt erst einmal glatt (G-tt sei Dank, sagt der Direktor, auch ohne Schmiererei, da sie mit der anti-Graffiti Schicht beschichtet wurde).
Wie in Fellinis Film „E la nave va“ („Das Schiff der Träume“) segelt das weiße Trauerschiff weiter…

